Ein Dübel für die Ewigkeit

„Eine Tüte vielleicht oder heute im Sinne der Nachhaltigkeit?“. Ellen Flagge reicht die Ware aus ihrem orangefarbenen Kassenhäuschen, der Tacker knallt, dann wandern die Belege auf den Bon-Spieß. Der Eisenwarenhandel Ferdinand Schüllenbach auf St. Pauli ist maximal analog – und doch seit mehr als 150 Jahren im Wandel. Ein Besuch in der wandhohen Wunderkammer, kurz vor dem siebten Generationswechsel.

Interview: Malte Brenneisen

Fotos: Malte Spindler

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Liebe Frau Flagge, hier gibt es alles vom Eierkocher bis zum 800 Korn Winkelschleifpapier. Doch über dem Laden prangt das Schild „Eisenwaren“ – nehmen Sie uns ein Stück mit bei diesem Sinneswandel?

Naja, wir existieren schon eine lange Reihe von Jahren. 1865 war das Gründungsdatum. Der erste Schüllenbach war Ferd – kurz für Ferdinand – aus dem Weserbergland. Er war Nagelschmied und hat sich in Altona niedergelassen. Da wurde ein neuer Stadtteilhafen eröffnet, in Konkurrenz zum Hamburger Hafen. Die Schifffahrt lief damals noch mit großen Holzkisten – und irgendjemand musste die ja zunageln. Dafür hat Ferd die Nägel geschmiedet. Zwei Jahrzehnte später kam die Industrialisierung.

Und dann zogen neben Nägeln auch Töpfe ein?

Es war natürlich vorbei mit den geschmiedeten Nägeln und er musste sich auf andere Sachen verlegen: Töpfe, Pfannen, Schalen – alles, was man damals aus Metall in der Küche hatte, hat er geschmiedet. Später holte er seinen jüngsten Bruder, einen Leineweber, nach Hamburg, weil es keine Arbeit mehr für ihn gab in der Heimat. Der baute das Geschäft aus und verkaufte zusätzlich auch Dinge für den Garten. So hat jede Generation was Neues mitgebracht.

Was haben Sie denn mitgebracht?

Meinen Mann Clemens. Deshalb heiße ich jetzt Flagge.

Wo haben Sie den aufgegabelt?

Zwischen Paris, Madrid und Benidorm – kurz hinter Düsseldorf, um genau zu sein. Nach meiner Lehre hier im Laden wollte ich ins Ausland. Ich hatte in der Schule einen Französischlehrer gehabt, der uns als ganze Klasse sehr rüde behandelte. Der gab mir immer eine schlechte Note. Dabei war Französisch meine Lieblingssprache. Wir hatten im Laden damals Personal in Hülle und Fülle – und da dachte ich, du gehst nach Frankreich, du bist doch nicht zu dumm, um Französisch zu lernen.

Frau Flagge, mein Puls rast schon. Wo hatte sich Clemens Flagge versteckt?

Eins nach dem anderen. Ich war reiselustig, arbeitete als Au-Pair-Mädchen in Paris und später als Sekretärin in Madrid und Benidorm. Fünf Jahre später habe ich zu Silvester eine Freundin in Düsseldorf besucht, und wollte danach zurück zu meinen Eltern nach Hamburg. Auf der Rückfahrt im Zug, da habe ich meinen Mann kennengelernt. Der war beim Wehrdienst und musste zurück nach Husum. Wir hatten eine recht angeregte Unterhaltung, haben Adressen ausgetauscht und in den kommenden drei Wochen hat es gefunkt. Er kam am Wochenende zu Besuch. Ich dachte, jetzt kann ich auch in Hamburg bleiben.

… und hier sind Sie noch immer, umgeben von tausenden Teilen. Wie viele sind es?

Das weiß niemand genau. Wenn Sie jede Schraube zählen dann sicher über hunderttausend. Was sich allein in der Dübel-Branche getan hat! Die ganzen Lösungen für verschiedene Bauweisen und Vorwandinstallationen – das ist schon erstaunlich. Ich kann ihnen mal ein paar Dübel zeigen, wenn sie möchten?

Später sehr gerne. Wenn ich heute in einen Baumarkt gehe, kaufe ich dort ja eher ein Dübel-Päckchen mit 20-30 Exemplaren. Hier kann ich sie einzeln bekommen. Wieso?

Wofür brauchen Sie denn die 19 weiteren Dübel? Wissen Sie, mein Mann kann ein Schloss aus einer Jugendstil-Schiebetür reparieren und der Kunde ist hocherfreut, wenn er die Tür nicht ersetzten muss. Das ist ganz bestimmt im Sinne der Nachhaltigkeit. Man muss nicht alles neu anschaffen. Es ist für alle eine große Befriedigung, zu sehen, dass ein Teil, das schon 80 Jahre in einer Tür saß, weitere 20 dort sitzen kann.

Aber ihre Kunden sind doch nicht nur Jugendstil-Fans?

Nein, hierher kommen zweierlei Kunden. Früh um acht meist die Handwerksbetriebe auf ihrem Weg zum Kunden. Darunter Tischlereien, Glasereien, Schlossereien – saisonal auch mal die Schausteller vom Hamburger Dom oder die Gastronomen aus der Rindermarkthalle. Die haben ein Konto bei uns und bestellen vorher schon telefonisch bei mir. Ab neun kommt dann eher der Privatmann mit einem kleinen Wunsch oder einem größeren Bauvorhaben. Der braucht mehr Beratung, sagt er würde es gerne so und so lösen, aber weiß nicht wie am geschicktesten. Meines Erachtens nach gehen die Leute hier immer mit einer Lösung oder zumindest einem guten Rat raus.

Machen Sie sich sorgen, dass ihre Kunden irgendwann alle im Internet bestellen?

Wissen Sie was: Die Herausforderungen kommen und man muss sie bewältigen. Aber das Wissen unserer Mitarbeiter ist einzigartig.

Sie und ihr Mann könnten auch im wohlverdienten Ruhestand entspannen. Warum machen Sie immer weiter?

40 Prozent sind Pflicht, wir wollen ja, dass sich alles gut entwickelt. 60 sind Leidenschaft, es macht einfach viel Spaß mit so vielen unterschiedlichen Menschen, denen ich sonst nirgends begegnen könnte. Unser Sohn Alexander arbeitet schon viele Jahre hier. Aber er hat eine junge Familie und möchte auch mal in den Urlaub fahren. Mein Mann und ich versuchen deshalb, ihn noch ein paar Jahre zu entlasten.

Ich will nicht aufdringlich wirken. Aber mich würde schon interessieren, was Sie nach Feierabend machen?

Dann fängt der Tag doch erst richtig an. Ich gehe hoch ins Büro und mache die Abrechnung, alles finanzamtsfertig. Also wenn wir früh hier raus gehen, dann ist es 20 Uhr. Dann ist der Tag zu Ende. Dann bin ich fertig.

Und dann? 

Wir wohnen in Altona, zum Glück nicht weiter weg. Mein Mann kocht. Ich kümmere mich um den Haushalt, fülle alle Maschinen oder mache den Abwasch. Aber ich darf auch schon im Sessel sitzen und Nachrichten gucken – mein liebstes Hobby – während er für uns in der Küche steht.

Was ist ihre Lieblingsspeise, was kann er gut kochen?

Alles. Er kann alles! Aber besonders gut kann er Rouladen. Ich liebe seine Rouladen. Klassisch, kein Speck drin, eher sachlich. Das mag ich gern.

Durch und durch ein Schüllenbach – auf die nächsten 150. Jahre!