Der Kiez geht in die Kiste

Abseits von Hollywood Filme zeigen – das macht „Die Kiste“ seit über 20 Jahren. Der ehemalige Mittzwanzigerklub in der Heidenauer Straße ist das einzige Programmkino am östlichen Stadtrand von Berlin. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Fred Schöner über Balkon-Kino in Moskau, den berühmten AHA-Effekt und Anrufe nach 22 Uhr.

TEXT: IMKE WRAGE

Herr Schöner, mit der Kiste haben Sie in Hellerdorf eine Mischung aus Kino, Klub, Café und Konzertbühne geschaffen. Was hat es mit dem Namen „Kiste“ auf sich?

Die Kiste bedeutet so etwas wie „Überraschungspaket“. Du kannst daraus alles zaubern, was möglich ist, aus wenig viel machen. Es ist aber natürlich auch eine Anspielung auf das Gebäude – ein Plattenbau in der Heidenauer Straße, der aussieht wie eine kleine Kiste. Zu DDR-Zeiten durften wir uns nicht so nennen, da war es noch „Jugendclub Heidenauer Straße“.

Sie sprechen von DDR-Zeiten. Drehen wir einmal die Zeit zurück. Seit wann gibt es „Die Kiste“?

Seit 1989. Damals wollte ich allen beweisen: Kino und Kultur geht auch in Hellersdorf.

Kommen Sie denn aus Hellersdorf?

Nein, ich bin 1960 in Mühlhausen in Thüringen geboren. Ein Kino zu führen war für mich damals noch undenkbar. Ich habe mich für Physik und Chemie interessiert und wollte als Chemie-Laborant arbeiten. Mit 17 Jahren habe ich eine Ausbildung als Agro-Chemiker absolviert. Wissen Sie, was das ist?

Ehrlich gesagt nicht, nein.

Agro-Chemiker und Chemie-Laboranten haben rein gar nichts mehr gemein. Als Agro Chemiker habe ich Gülle über die Felder gefahren.

Früher sind Sie also Traktor gefahren, heute führen Sie ein Programmkino. Das ging ein bisschen schnell für mich. Können Sie den Bogen spannen?

Nach der Ausbildung bin ich erstmal zur Armee gegangen. Eines Tages schrieb mir ein Freund: „Fred, in Meissen kannst du Kulturwissenschaften studieren, das könnte zu dir passen“. Die haben mich dann tatsächlich genommen. Vom Acker an die Universität (lacht). Von dort hat alles seinen Lauf genommen.

Dort sind Sie dann zum ersten Mal mit Filmen in Berührung gekommen, stimmts?

Ja, durch meinen Filmlehrer, der sehr engagiert war. Bei ihm habe ich Themen und Techniken kennengelernt, die mich fasziniert und den berühmten AHA-Effekt ausgelöst haben. Plötzlich ergaben sich Zusammenschlüsse, plötzlich habe ich Dinge ganz anders verstanden – oder auch nicht mehr verstanden. Schnell habe ich mich gefragt, wie ich auch andere Menschen dazu bringen kann, zu diskutieren und Sachen zu hinterfragen. Mit einer Gruppe von Studenten habe ich dann einen Filmclub gegründet.

Nach dem Studium sind Sie dann Ende der 80er Jahre in Berlin-Hellersdorf gelandet. Wieso Hellersdorf? Wieso nicht Mitte, Prenzlauer Berg oder Neukölln?

Hier gab es damals die einzige Chance für mich als junger Mensch eine bezahlbare Wohnung zu bekommen. So ging es vielen anderen in meinem Alter, zwischen 1996 und 2001 gab es eine unglaubliche Jugendschwemme. Entsprechend hoch war das Bedürfnis der jungen Leute nach Kunst und Kultur. Die Folge können Sie sich vorstellen …

… die Kiste. Hatten Sie damit Erfolg?

Unser Motto war immer: Wie bekomme ich Veranstaltungen hin, die zwar wenig kosten, aber trotzdem funktionieren und viele Menschen zusammenbringen. Und damit hatten wir Erfolg, ja. Die Kiste – zunächst noch Jugendclub – war schnell bekannt und erfolgreich. Wir haben rund 30.000 Besucher im Jahr gehabt – und das bei nur 36 Plätzen. Damals haben wir hier auch viele junge Bands eingeladen oder die ersten Techno-Veranstaltungen mit Trillerpfeifen veranstaltet – noch bevor die in Mitte modern wurden. Da sind über 300 Leute am Abend gekommen. Das werd’ ich nie vergessen: Zehn Minuten haben die getanzt, da lief der Schweiß schon wie Suppe an den Fenstern runter. Jeder hatte mehrere T-Shirts zum Wechseln dabei, die Beutel dafür konnte ich gar nicht alle verstauen (lacht).

Was hat sich bis heute verändert?

Im Augenblick sind wir froh, wenn wir 13.000 Kinobesucher im Jahr haben. Unsere erfolgreichsten zwei Veranstaltungen sind das Spatzenkino – 45 Minuten Kurzfilme für Kita Kinder – und das Seniorenkino. Das sagt natürlich einiges über die Altersstruktur hier aus. Die Zeiten der Jugendschwemme sind vorbei. Unser Publikum auf Konzerten und im Kinosaal ist meist zwischen 45 und 70 Jahren alt. Auf der Parkbühne spielen wir deshalb zum Beispiel viel 80er.

13.000 Kinobesucher gerechnet auf ein Jahr …

… bringen kein Geld ein, richtig. Wenn wir nur die Einnahmen für das Kino hätten, müssten wir längst dicht machen. Die Kiste hat deshalb vier Standbeine: unser Café, die Jugendarbeit, die wir betreiben, die Konzerte auf der Parkbühne Biesdorf mit einem Tonstudio und das Kino. Immer wenn ein Standbein strauchelt, lässt es sich durch die Einnahmen der anderen subventionieren. Wenn ich Geld übrig habe, kann ich zum Beispiel Bands aus dem Ausland einladen. Im Sommer veranstalten wir Open Air Kinos auf der Parkbühne.

Wird das gut angenommen?

Als wir 1992 mit dem Open Air Kino begonnen haben, waren wir so erfolgreich, dass die Wohnungsbaugenossenschaft daraus das „Balkon-Kino“ gemacht hat. Und eines Tages kam dann der Anruf vom Goethe Institut, dass wir mit unserem „Balkon Kino“ zu einer 750-Jahr-Feier nach Moskau fahren sollen – als Beispiel für Kultur am Stadtrand von Berlin hieß es.

Klingt ganz nach einem Abenteuer?

Das war es. Wir haben dann einen LKW mit unserer ganzen Kinoausstattung und Technik vollgeladen, sind damit nach Moskau gefahren und haben zwischen den Plattenbauten den Film „Herz aus Glas“, ein Film von Werner Herzog von 1976, gezeigt. Es war eiskalt damals, das war einfach nur hirnrissig (lacht). Aber die Tradition ist bis heute geblieben: Mindestens fünf „Balkon-Kino“–Veranstaltungen finden noch jetzt jedes Jahr am Cecilienplatz statt.

Wonach wählen Sie die Filme aus, die Sie hier zeigen?

Zu DDR-Zeiten war das natürlich noch ein bisschen anders mit der Auswahl. Damals gab es nur einen Filmverleiher – es wurde also sehr gesiebt, was an Filmen in den Kinos lief. Wir haben es trotzdem durch die Zusammenarbeit mit anderen Kulturzentren geschafft, zum Beispiel einen Lesbenfilm aus Ungarn oder einen Film über Tschernobyl zu zeigen. Nach der Wende wurden wir freier. Bis heute wählte ich Filme aus, die ein bestimmtes Lebensgefühl vermitteln und neue Wege aufzeigen können. Filme, die anders sind als in den großen Kinos, die zum Denken anregen. Für das Programm haben wir sogar schon Preise der Stadt Berlin gewonnen.

Gibt es einen Film, der Sie besonders inspiriert hat?

Da gibt es viele. „Blutige Erdbeeren“ zum Beispiel. Der 1969 gedrehte Film aus den USA behandelt die Studentenunruhen in den Vereinigten Staaten. In den 70ern hat der Film Zehntausende in die DDR-Kinos gelockt, im Westen wurde ihm gar keine Beachtung geschenkt. In der Kiste haben wir „Blutige Erdbeeren“ von 1992 bis 1998 immer um 24 Uhr gezeigt. Das war der einzige Film, für den die Menschen aus ganz Berlin herkamen. Und normalerweise verirrt sich ja niemand aus der Innenstadt nach Hellersdorf.

Was ist Hellersdorf für Sie? – Ihre Heimat?

Ich mag es, hier zu leben. Hier arbeite ich, hier lebt meine Frau, hier bin ich Zuhause. Manchmal zermürbt mich die negative Außensicht auf den Stadtteil. Mich ärgert, dass die Platte oft gleichgesetzt wird mit Rechts oder Trostlosigkeit und dass die Menschen denken, hier wäre es nur grau und roh. Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit – ringsum sehe ich nichts als Grün. Teilweise bekomme ich bei der Arbeit Anrufe wie: „Kann ich denn abends um 22 Uhr noch in die Kiste kommen, ist der Weg zu euch im Dunkeln sicher?“ Oder: „Fährt denn da eine Bahn?“

Sie haben vorhin gesagt, dass Sie es allen beweisen wollten. Konnten Sie das?

Damals schon, ja. Heute arbeiten wir natürlich unter erschwerten Bedingungen. Dämpfer gibt es immer. Ich hab nie viel Geld mit dieser Arbeit verdient. Aber Geld war für mich auch nie das Wichtigste. Für das Kino natürlich schon: Ich muss permanent schauen, wie ich die Kiste zum Beispiel durch Einnahmen der Parkbühne und andere Projekte subventionieren kann. Das macht auch ganz schön viele graue Haare wie man sieht. Aber sagen wir so: Wir haben 20 Jahre lang hier draußen überlebt – und der Motor brennt noch.

Was hält den Motor am laufen? 

Die Idee, hier etwas zu bewegen. Etwas Neues zu schaffen, wenn Sie so wollen.